Vor einigen Jahren zur Sommerzeit saß ich mit meinem Freund Henk Pauw von der Nelson Mandela Metropolitan University in Port Elizabeth, Südafrika, bei einem guten Glas Rotwein auf dem Balkon meiner Wohnung nahe des Rheins bei Koblenz. Wir sprachen entspannt über Gott und die Welt und gerieten dabei auch auf die Evolutionstheorien. Henk monierte, dass diese Modelle immer wie Himmelsleitern nach oben streben. Er wandte ein, weshalb nicht eine Kurve? Zunächst waren wir beide ob dieser Idee verblüfft, dann holte ich Papier und Bleistifte und wir malten Kurven. Heraus kam die Drechsel-Pauw-Kurve (DP-Kurve). Es handelt sich um eine rätselhafte Glockenkurve in folgender allgemeiner Form:

Man benötigt für dieses Evolutionsmodell nur zwei Achsen in einem kartesischen Koordinatensystem: zunehmende Komplexität als x-Achse und zunehmende/ abnehmende Zentralisierung oder Hierarchisierung als y-Achse.Wie man sogleich ersehen kann, kann man auf dieser Glockenkurve alle idealtypischen Gesellschaftsformen abbilden, die sich seit dem Neolithikum herausgebildet haben.

Von Interesse sind die beiden Hälften der Kurve. Auf der linken Seite ist eine Zunahme kollektiver Ordnungen festzustellen, auf der rechten Seite INVERS dazu das Gegenteil, nämlich Dezentralisierung oder gesellschaftliche Ausdifferenzierungen. Hierzu folgende Typologie:

Es lassen sich acht idealtypische Gesellschaftsformationen auf die DP-Kurve abbilden. Links liegen sog. vormoderne Gesellschaften, rechts dagegen moderne bis postmoderne Gesellschaften vor. In den Sozialwissenschaften spricht man von den Typen der linken Seite als segmentäre, stratifizierte bis hierarchisch konstituierte Gesellschaften, auf der linken Seite generell von ausdifferenzierten modernen Gesellschaften. Die betriebswirtschaftliche Organisationstheorie befasst sich intensiv mit diesen Typen der linken Seite, wie man unschwer den Bezeichnungen entnehmen kann.

Insgesamt eine rätselhafte evolutionäre Ordnungsmöglichkeit aller Gesellschaftsformationen auf dieser DP-Kurve. Natürlich läßt sich einwenden, das ist zu abstrakt und übergeneralisiert... Ich möchte antworten: genau, das ist ein primäres Ziel der Wissenschaft!

Noch rätselhafter wird die DP-Kurve, wenn man folgendes auf ihr abbildet:

Die klassische Physik und die Quantenphysik scheint auf derselben paradigmatischen Grundstruktur wie die Evolution der Gesellschaftsformationen zu beruhen. "Starker Tobak", würden nun viele äußern wollen; was soll denn das eine mit dem anderen zu tun haben? Hier werden Äpfel und Birnen vermengt! Gemach! Es handelt sich in beiden Fällen um Wirklichkeitsmodelle und nicht um die "Wirklichkeit". In konstruktivistischer Sichtweise bilden wir im Kopf Wirklichkeitsmodelle über die "Wirklichkeit". Wie eine "wahre Wirklichkeit" außerhalb des Kopfes vorliegt, wissen wir NICHT, weil auch eine "Wirklichkeit außerhalb des Kopfes" einem Wirklichkeitsmodell IM Kopf entspricht! Aus konstruktivistischer Sichtweise muss man deshalb aber keinem "irrealen" Solipsismus verfallen, denn eine Wirklichkeit "außerhalb" des Kopfes gibt es auch im Konstruktivismus, u.a. als Kommunikationsmedium, woraus alle anderen "realen Wirklichkeiten" herleitbar sind.

Es scheint eine Kongruenz zwischen Gesellschaftsformationen und Wirklichkeitsmodellen vorzuliegen. In diesem Sinne formulierte schon der gute Karl Marx, dem wir den Sozialismus und Kommunismus des letzten Jahrhunderts zu verdanken haben: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein!

Was könnte der "inverse" Raum auf der rechten Seite der DP-Kurve in Bezug auf Gesellschafts-formationen bedeuten? Oder was könnten invers konstituierte Gesellschaftsformationen beinhalten? Sozialwissenschaftler sprechen einfach von "ausdifferenzierten" modernen Gesellschaften. Der leider verstorbene Soziologe Niklas Luhmann hat hierfür sog. "autopoietische Systeme" vorgeschlagen. Sie gleichen, metaphorisch gesprochen, dem Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Sie haben weder Input noch Output, generieren sich und ihre Elemente sowie ihre Umwelt selbst. Hierzu folgende Gegenüberstellung:

Wie sich unschwer erkennen läßt, erscheint das autopoietische System vollständig INVERS zum gewöhnlichen Feedback-System. Diese Logik sollte man verstehen lernen. Luhmann behauptete, derart wären unsere modernen ausdifferenzierten Gesellschaften konstituiert.

Die DP-Kurve kann diese inversen Konstitutionsprinzipien unserer "Wirklichkeitsmodelle" auf relativ einfache Weise abbilden. Wirklichkeitsmodelle der "Natur" sowie der "Gesellschaft und Kultur" scheinen kongruent zu sein!

Nun besteht aber ein weiterer sonderbarer Sachverhalt, sozusagen auf metatheoretischer Ebene. Die DP-Kurve als Modell zweier kongruenter und inverser Wirklichkeitsmodelle ist auch ein "Wirklichkeitsmodell". Was aber beinhaltet dieses "metatheoretische" Wirklichkeitsmodell der DP-Kurve? Ein Superwirklichkeitsmodell? Ich weiß bis heute keine Antwort.

 

Drechsel-Pauw-Kurve