Bei dem nachfolgenden Artikel im pdf-Format

Es gibt keine ‚Evolutionäre Ethik‘, es gibt nur eine ‚Historische Ethik‘ als ‚Demokratische Ethik!

handelt es sich um eine erweiterte Version meiner Kritik auf den Artikel von

Hans Mohr: Evolutionäre Ethik

der in der Zeitschrift Erwägen Wissen Ethik EWE 21 (2010) Heft 2, erscheint.

 

Bei diesem nachfolgenden Artikel im pdf-Format

Wie universal sind die 'Universalien im Kontext kultureller Vielfalt'?

handelt es sich um eine erweiterte Version meiner Kritik auf den Artikel von

Christoph Antweiler: Universalien im Kontext kultureller Vielfalt.

der in der Zeitschrift: Erwägen Wissen Ethik . EWE 20 (2009) Heft 3, erscheint.

meine erweitere Kritik wird auf dieser website wegen einer Theorieerweiterung, die nicht direkt einer Kirtik zugeordnten werden kann, und wegen der farbigen Graphiken angeboten, die im Druck nicht dargestellt werden konnten.

Die folgende Kulturtheorie hat direkt damit nichts zu tun.

-------------------------------------------------------------------

Kultur, um der Freiheit willen…

Kulturen, könnte man formulieren, gibt es wie Sand am Meer. Kulturtheorien, könnte man weiterhin formulieren, gibt es ebenfalls wie Sand am Meer. Vor einigen Dekaden listeten A. L. Kroeber und Clyde Kluckhohn, soweit ich mich heute noch erinnere, an die 150 Kulturtheorien auf. Mittlerweile haben sich gewiss mehr davon angesammelt.

Ich bevorzuge die Kulturtheorie von Klaus P. Hansen (Kultur und Kulturwissenschaft. 2003; Kultur, Kollektiv, Nation. 2009). Er erfasst dieses ätherische Gebilde Kultur mit Hilfe von vier Standardisierungen des Denkens, Fühlens, Kommunizierens und Handelns. Sie bilden die strukturelle Grundlage für soziale Kollektive und, je nach Mixtur und Gewichtung, von deren Kulturen. Kultur, in diesem Sinne, könnte man deshalb auch als das Programm von Gesellschaft verstehen, wie diese vier Standardisierungen ihre jeweiligen Kulturen weben - Das habe ich der Kulturtheorie von Siegfried J. Schmidt (Kognitive Autonomie und Soziale Orientierung. 2003; Medien = Kultur? 2003) entnommen.

Betrachtet man Kulturen im Verlaufe der Geschichte des Homo sapiens sapiens, könnte man vermuten, dass die Menschen der Steinzeit Kulturen herausgebildet haben, von denen wir jedoch wenig bis nichts wissen. Das historische Dunkel der Kulturen lichtet sich erst ab dem Neolithikum. Hier entstehen Kulturen mit Getöse, und zwar mit dem Getöse der Herrschaft. Im Laufe der Zeiten entstehen immer umfangreichere Kollektive als Staatengesellschaften und mit ihnen immer grandiosere Kulturen, u. a. die des römischen Imperiums, die uns heute noch bis in den Lateinunterricht verfolgt. Gerhard Lenski (1977) hat hierüber in seinem Buch Macht und Privileg berichtet, Lewis Mumford (1984) ebenso in seinem Werk Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht über die Megamaschine der Herrschaft. Auch als der Kolonialismus einfachere Gesellschaftsgebilde und ihre Kulturen ans Tageslicht der Geschichte brachte wimmelte es überall auf der Welt von Häuptlingen bis hin zu Königen. Man könnte deshalb die These formulieren: eine Kultur, die etwas auf sich hält, benötigt zumindest einen Häuptling; oder einfach herrschende Ältere, gelegentlich auch als Gerontokraten bezeichnet. Was ich damit sagen möchte: Ohne Herrschaft scheinbar keine Kultur! Oder: Kultur = Macht!? Es mögen sich dem Leser darob die Haare sträuben, doch wo gibt es Kulturen ohne Macht? Richtig, dort wo keine Macht und Herrschaft vorwalten!

Jüngst wurde ein Buch des bekannten Historikers Christian Meier mit dem Titel: Kultur, um der Freiheit Willen. Griechische Anfänge – Anfänge Europas (2009) publiziert. Man stelle sich das vor! Kultur um der Freiheit willen, und damit gerade nicht um der Macht und Herrschaft willen! Und wo gibt es das? Oder wo gab es das? Richtig, im antiken Griechenland, speziell in Athen, mit der Entstehung der Demokratie und zugleich der Kunst, Literatur und Wissenschaft. Und wer hat diese leuchtende Kultur um der Freiheit willen wieder zugrunde gerichtet? Auch richtig, der bekannte Hau Drauf Alexander das Großmaul, der den Philosophen durch den Sportlehrer und die Philosophenschule durch das Sportstadium und Exerzierfeld, das Gymnasium, ersetzte. Danach ging es nur noch bergab mit der Kultur um der Freiheit willen, speziell im grandiosen römischen Reich. Welch eine Kultur! Ihr Wesenskern war cäsarische Herrschaft, territoriale Größe, das Kolosseum, der Gladiator und viel Blut! 'Ad Bestiae' war eine beliebte Todesstrafe. Anschließend, wir wissen es alle, wurde es dunkel in der Menschheitsgeschichte der Kultur, bis es irgendwann wieder von Königen, Kaisern, Rittern und sonstigem herrschendem Gesindel und ihren Kulturen wimmelte. Einer, Louis XIV von Frankreich, schnappte förmlich über und verkündete lauthals als gallischer Hahn: ‚L'etat c'est moi‘. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm wollte nur noch Weltkrieg spielen; und Adolf Hitler mit der Reinkarnation der Kultur der Germanen die ganze Welt auslöschen. Wir alle wissen, wo und wie diese Kulturform 1945 endete. Ihr sozialistisches Pendant hauchte zumindest in Osteuropa kurz vor dem Milleniumswechsel ihr erbärmliches unfreies Leben aus.

Doch zwischendrinnen in diesem Kulturgetümmel der Macht und Herrschaften im Mittelalter und der Neuzeit erschien erneut eine Kultur um der Freiheit willen. Wir kennen sie als die Kultur der Renaissance. Bewusst knüpfte man hierbei an die Kultur des antiken Griechenland an. Doch auch dieser Glanz einer erneuten Kultur der Freiheit war nicht von langer Dauer. Die dumpfen Kulturen der Könige und Kaiser in ihrem Umfeld richteten sie wieder zugrunde. Doch diesmal wurde die Fackel der Kultur um der Freiheit willen weitergereicht, weit weg von diesen Königen. Sie erleuchtete erneut in den Vereinigten Staaten von Amerika mit der Unabhängigkeitserklärung von England am 4. Juli 1776, bevor sie 1798 in Frankreich ebenfalls jäh aufblühte um schnell wieder im Blut der jakobinischen Guillotine zu versinken. Nun, wir wissen, nach 1945 wurde den Westeuropäern von dieser freiheitlichen Kultur der Amerikaner die Kultur um der Freiheit willen beigebracht, und seitdem geht es mit ihr bergauf.

Was hat das alles mit einer Theorie der Kultur zu tun? Ganz einfach: Es gibt Kulturtheorien der Herrschaft und solche der Freiheit. Das sieht man der Kulturtheorie von Hansen oder von Schmidt nicht an, man muss es ihnen hinzufügen. Die meisten gegenwärtigen Kulturen sind wie ihre politischen Erscheinungsformen keine Kulturen um der Freiheit willen! Sie könnten es aber sein, wenn die Freiheit bestehen würde. Dazu müssten sie aber ihre Macht- und Herrschaftsstrukturen ‚um der Freiheit willen‘ aufgeben, sich also radikal zu Kulturen der Freiheit verändern! Kurz und bündig: Eine Kulturtheorie ohne Rekurs auf Herrschaft ist zwar eine Theorie, doch nicht um der Freiheit willen. Freiheit von Herrschaft muss explizit hinzukommen oder eingefordert werden! Ansonsten ließe sich nur recht allgemein formulieren: Kultur = herrschende Politik! Weshalb? Wenn Politik als für Kollektive geltende Entscheidungen von Handlungsalternativen verstanden wird, können Strukturen von Standardisierungen als Kultur ebenfalls als quasi transzendentale Vorentscheidungen von Handlungsalternativen verstanden werden. In diesem Sinne gälte entsprechend: Kultur = transzendental vorherrschende Politik! Oder anders formuliert: Standardisierungen implizieren Konventionen in Kollektiven. Diese sind latent immer politisch und können bis in manifeste Rechtsnormen gerinnen. Letztendlich entscheidet sich die Frage der 'Freiheit' jedoch an der kulturellen Position des Individuums. Zählt es nicht, d.h. geht es im herrschenden Kollektiv unter, zählt auch Freiheit nichts! Eine Kultur um der Freiheit willen ist immer eine Kultur des Individuums und dann erst des Kollektivs! Habeas corpus, Rechtsperson, Privateigentümer, 'Benutzer des eigenen Verstandes' (Kant) sind Kernbestandteile einer Kultur um der Freiheit willen.

Wenden wir uns also den Kulturen um der Freiheit willen zu, theoretisch und praktisch: Eine Kulturtheorie um der Freiheit willen muss kritisch sein. Eigentlich genau das, was freiheitliche Wissenschaft ausmacht und eine freiheitliche Kulturwissenschaft auszeichnen sollte: Kritik an Kulturen die nicht um der Freiheit willen bestehen und Förderung der Kulturen die um der Freiheit willen bestehen oder bestehen wollen. Praktisch also heißt das, um den Kulturen um der Freiheit willen auf die Sprünge zu helfen, auch wissenschaftlich zum kulturellen Wandel beitragen. Für alles andere trifft der Spruch von Bertold Brecht in Persiflage zu:

Diejenigen, die nichts von der Kultur um der Freiheit willen wissen wollen vertreten diejenige Kultur, die mit ihnen ohne Freiheit gemacht wird – oder die sie ohne Freiheit machen, indem sie sie erhalten!

Kultur um der Freiheit willen, wie sie einmal in Griechenland erstanden ist, hat Leistungen des homo sapiens sapiens erbracht, die nirgendwo sonst erbracht werden können: Wissenschaft, Philosopie, Kunst und Literatur. Dies gibt es zwar dem Namen nach auch in Kulturen der Unfreiheit wie Iran, der früheren Sowjetunion, Kuba, China, Nordkorea usw., doch mit der 'Schere der Unfreiheit im Kopf' und folglich dem 'Brett vor dem Kopf'. Kurz: Kulturen der Unfreiheit machen auch noch dumm. Außen vor und dennoch im Gleichklang mir diesen stehen ebenso diejenigen Kulturen, die es noch nicht einmal bis zur Polis der freiheitlich vergesellschafteten Individuen geschaft haben, d.h. denen es an demokratischen Grundprinzipien ermangelt. Man sollte etwa einen Rat der Älteren oder das Palaver in akephalen Gesellschaften nicht mit Demokratie verwechseln! Wie diese strukturellen Zusammenhänge ingesamt verstanden werden könnte kann man folgender DP-Kurve entnehmen, die ich ebenfalls unter dem Menüpunkt DP-Kurve und St- Gallen-Managementtheorie vorstelle.

Die Linguisten Penelope Brown und Stephen C. Levinson haben eine Kulturtheorie der höflichen Kommunikation vorgestellt: Politeness . Some universals in language usage, Reprint, Cambridge. Cambridge Univ. Press, 2002, die entsprechend der linken und rechten Seite der DP-Kurve auf folgenden Dichotomien beruht:

hohe Macht --- geringe soziale Distanz ..........................hohe Macht -- hohe soziale Distanz

geringe Macht - -geringe soziale Distanz .......................geringe Macht -- hohe soziale Distanz

Kulturen der linken Seite bezeichnet man auch als face-to-face societies oder kollektivistische Gesellschaften. Geringe soziale Distanz bedeutet eine geringe Ausbildung der Individualität und individuellen Freiheiten. Karl Marx spach in diesem Zusammenhang einmal von der "Idiotie des Landlebens"; weiter oben sprach ich vom 'Brett vor den Köpfen'. Derartige kollektivistische Kulturen sind ausnahmslos Kulturen der Herrschaft, selbst dort, wo sie aus Mangel an Mitteln kaum durchsetzbar ist. Es können auch keine demokratisch konstituierte Kulturen sein, denn diese setzen eine 'hohe soziale Distanz' voraus. Liegt diese vor, muss die Individualität ausgeprägt vorliegen, weshalb sich Herrschaft schwierig konzentrieren kann. Derart unterscheiden sich Kulturen der Herrschaft und Kulturen der Freiheit. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Wissenschaft der Ethnologie oder Social Anthropology bevorzugt mit den Kulturen der linken Seite der DP-Kurve der geringen Macht und einer Kollektivität basierend auf geringer sozialer Distanz befasst. Die vorherrschend kritiklose Positivierung dieser Kulturen ist für eine Kulturwissenschaft, basierend auf den Prinzipien der Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, also geringer Macht und hoher sozialer Distanz, und ohne diese Bedingungen als Wissenschaft gar nicht existieren könnend, schon bemerkenswert.

Die Gesellschaftsformationen inklusive politischer und ökonomischer Systeme der linken Seite dieser DP-Kurve sind allesamt KEINE 'Kulturen um der Freiheit willen'. Es handelt sich bis in das 20. Jhdt. um alle Kulturen der Geschichte seit dem Neolithikum mit Ausnahme des antiken Griechenlands, einigen Stadtstaaten der Renaissance und den Vereinigten Staaten von Amerika. Auf der rechten Seite dieser DP-Kurve sind in unterschiedlichen Ausprägungen alle 'Kulturen um der Freiheit willen' angesiedelt; in ihrer Mehrheit ab dem 20. Jhdt. die westlichen Kulturen, basierend auf Demokratie und Marktwirtschaften.

So ist das mit den Kulturen! Soll das Neolithikum vor ca 10.000 Jahre v.Z. begonnen haben, lebte die Menschheit seitdem 11.900 Jahre davon im Zustand kultureller und geistiger Unmündigkeit, jedenfalls nicht in Freiheit; von den genannten Ausnahmen abgesehen und ab dem 20. Jhdt. nur die Kulturen des Westens. Jedoch lebt der größte Teil der gegenwärtigen Menscheit auch nach 12.000 Jahren noch in kultureller und geistiger Unmündigkeit, und ein Ende ist nicht abzusehen!

Es besteht die weitverbreitete Annahme, dass auch diese Gesellschaften zur kulturellen Entwicklung der Menschheit beigetragen haben sollen. Ich wage das stark zu bezweifeln. Mir ist keine dieser Kulturen bekannt, die auch nur ein Fahrad oder ein Telefon erfunden hätten. Ein interessantes Beispiel liefern Brown und Levinson, ebenso der Ethnoloige Ivo Strecker hinsichtlich des Sprachhandelns. Sie haben in vielen vormodernen Kulturn, Strecker bei den recht rückständigen Hamar in Äthiopien, fast alle bekannten rhetorischen Figuren oder Tropen ausmachen können. Das ist beeindruckend, belegt es doch, dass die Menschen über ein beeindruckendes sprachliches und damit kognitives Potential verfügen. Man sollte sich jedoch die Frage stellen, weshalb nur die Griechen, und dort Aristoteles, eine Buch zur Rhetorik aller dieser Tropen erstellt hat, und ebenso eine Logik nachgeliefert hat, die bis heute ihre Gültigkeit besitzt; wenn auch inzwischen eingeschränkt auf Boolesche Logiken. Ebenso hat der Grieche Euklid eine bis heute nicht zu verbessernde euklidische Geometrie vorgestellt; sie wird inzwischen nur von nicht-euklidischen Geometrien überholt! Welche anderen Kulturen haben das bis in die Neuzeit geleistet?

Fazit: Herrschaftskultur verhindert nicht nur Freiheit, sondern, indem sie auch das Denken in Freiheit verhindert, macht auch dumm und hält dumm! Das erkennt man gut an den gegenwärtigen Dikaturen, sei es in Nordkorea, China, Lybien, Burma und anderswo. Man könnte diesen Zustand auch als kulturelle Verblödung des homo sapiens sapiens durch Herrschaft bezeichnen.

Abschließend eine moderne Kulturtheorie der Freiheit in Gedichtform von Johann Wolfgang Goethe (1827)

Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallene Schlösser
Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.

 

Kulturtheorie