Südafrika ist ein wunderschönes Land. Ich habe mich seit 1991 mit gelegentlichen Unterbrechungen über mehr als sechs Jahre dort aufgehalten, um den Wandel von der Apartheit zur Demokratie für alle zu begleiten und zu erforschen. Es war für mich ein hochinterssanter Prozess der "Negotiated Revolution". Sozialwissenschaftlich bedeutet dieses Land und seine Gesellschaft auch heute noch für einen Europäer, an "überschaubare Wirklichkeiten" gewohnt, eine immense Herausforderung an das Verstehen. Es bedeutete jedoch einen gewissen Trost für mich , dass die Südafrikaner sich selbst auch nicht verstehen, doch wunderbar und fröhlich wie die Fische im Wasser in ihrer hochkomplexen und spannungsvollen Gesellschaft leben können. Um diesen entspannten Zustand mitleben zu können, benötigte ich wohl mehr als zwei Jahre geistige und seelische Dauerübungen.
Zunächst zu Südafrika als Tourismusziel und Investionsmöglichkeit. Die Natur und Landschaften in diesem Land sind derart vielfältig, dass man wohl alles genießen kann, was weltweit im Tourismus angeboten wird. Die Infrastruktur ist ebenfalls exzellent, wenn man sich auch in ländlichen Regionen an die Eigenarten Afrikas gewöhnen muss. Doch nicht überall muss ja dasselbe Europa vorhanden sein, dem man gerade im Urlaub entfliehen möchte. Ich kann nur einige Webseiten anbieten, die das vielfältige Tourismusangebot in diesem Land vorstellen:
http://www.southafrica.net/index.cfm?SitePageID=336
Für die Wirtschaft bestehen ebenfalls sehr gute Handels- und Investitionsmöglichkeiten. Seit der Phase der "Wende" hat das Land nur positive Wachstumsraten, Handel, Dienstleistungen und Industrie sind annähernd auf demselben Stand wie in Europa. Die Vernetzung in den globalen Weltmarkt nimmt rasant zu. Insgesamt läßt sich festellen, das Land prosperiert, es liegt eine moderne Marktwirtschaft vor. Störend könnte eine gewisse Schwerfälligkeit im Arbeitsmarkt und der entsprechenden Gesetzgebung sein, doch das war der Tribut an die "links" orientierte politische Bewegung des ANC und der Gewerkschaften während der "friedlichen Revolution". Doch die Zeit heilt bekanntlich nicht nur Wunden, sondern auch "Dummheiten" der politischen Regulation des Arbeitsmarktes. Das würde auch dem Abbau der immer noch sehr hohen Arbeitslosigkeit - eine Erbschaft aus Apartheidszeiten - optimaler zugute kommen. Hierzu folgende Websites:
http://www.mbendi.co.za/land/af/sa/p0005.htm
Ein schönes Beispiel für die Mixture von Wirtschaft, Politik und Kultur in Südafrika bietet folgender BMW:
Nun zu meinen Forschungen. Zunächst wollte ich nur die vielfältigen Kulturen und Interaktionsbeziehungen untersuchen, mußte 1991 jedoch sehr schnell einsehen, dass dies ohne umfassende Einbeziehung des ökonomischen und politischen Kontextes nicht möglich ist. In diesem Land erscheint "Kultur" als Politik. Dr. Bettina Schmidt hat hierüber eine exzellente Abhandlung publiziert: "Creating Order: Culture as Politics in 19th and 20th Century South Africa. Den Hag. 1996." Apartheid war u.a. nichts anderes als "Kulturpolitik", umgesetzt in Wirtschaftspolitik und Politik. Während der Verhandlungen zu einem neuen demokratischen Südafrika, an denen ich oft teilnehmen konnte, beobachtete ich fasziniert, wie eine vormals "schlechte" Kulturpolitik sich in eine "gute" Kulturpolitik wandelte, ohne an den Kulturen und ihren Beziehungen gravierendes zu verändern. Es bedeute für mich die verblüffendste Erkenntnis, dass Basisstrukturen der Apartheid plötzlich als Basisstrukturen der Demokratie für alle erschienen. Es wurden keine Grenzen der frühernen Homelands verschoben, noch die "traditionellen Kulturen" aufgelöst. Im Gegenteil, vieles bliebt wie es war und die Eigenständigkeit der Kulturen und Sprachen haben nun Verfassungsrang. Das muss den Südafrikaner einmal jemand nachmachen! Statt Bürgerkrieg einfach Übernahme des Gestrigen und anschließende Deklaration als Heutiges. Darin bestand in Bezug auf die "Kulturpolitik" die "Negotiated Revolution" in Südafrika!
Sicherlich können derartige "Kunstücke" einen europäisch vorbelasteten Wissenschaftler an seinem Verstand zweifeln lassen. Es waren auch einige Kollegen im Lande, die entweder überhaupt nichts begriffen haben, oder sich in Revolution übten, die überhaupt nicht stattfand, wie sie sie sich, gemessen an europäische Traditionen, vorstellten. Diese wissenschaftliche Tragikkomik habe ich mir erspart. Ich konzentrierte meine Forschungen stattdessen, wie schon erwähnt, auf die ökonomischen, politischen und historischen Gründe dieser sonderbar friedlichen Revolution. Hierüber stieß ich schon zwangsläufig auf die Erste Handelskapitalistische Globalisierung während der Renaissance in Europa. Vielen ist wohl bekannt, das die Holländer im Jahr 1652 Kapstadt als Versorgungsstation für ihre Handelsschiffe von Europa nach Indonesien und vice versa gründeten, doch was dies weltpolitisch und handelskapitalistisch für den damaligen entstehenden Weltmarkt bedeutet, wissen die wenigsten. Ich wußte zunächst auch nichts davon, was sich jedoch schnell ändern sollte.
Im Zusammenhang mit meinen intensiven Literaturstudien zur Geschichte der ersten Globalisierung als Etablierung eines handelskapitalistischen Weltmarktes wurde mit immer mehr bewußt, dass Südafrika eine "Scharnierposition" zwischen dem Westen und Osten dieses Weltmarktes einnahm, und zwar in allen Dimensionen, also in Wirtschaft, Politik, Kultur, Religion, Wissenschaft. Es würde zu weit gehen, an dieser Stelle auf die vielfältigen Details einzugehen, ich verweise stattdessen auf unser Buch zu Südafrika, in dem dieser historische Kontext eingebunden ist: "Drechsel/Schmidt: Südafrika. Chancen für eine pluralistische Gesellschaftsordnung. Geschichte und Perspektiven." 1995.
Über die Position Südafrikas im globalen Weltmarkt bin ich also auf das Phänomen der Globalisierung aufmerksam geworden, die in der Gegenwart für alle von uns eine Allerwelts-Wirklichkeit darstellt. Hierfür mußte ich tief in die Wirtschaftsgeschichte Europas eindringen. Eine große Hilfe bedeuteten mir die Publikationen des französischen Historikers Fernand Braudel, besonders: "Aufbruch zur Weltwirtschaft. Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. 1986. Treffender ist der Titel der englischen Übersetzung: "The Perspective of the World. Civilization and Capitalism 15th-18th Century." Es handelt sich in der ersten Phase der handelskapitalistischen Globalisierung um einen gleichzeitigen Prozess der Zivilisation! Nämlich hin zur modernen Marktwirtschaft, Demokratie, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Südafrika war darin mehr als nur am Rande involviert, im Gegenteil, es fungierte, wie erwähnt, als "Schanierstelle". Das wird gut in dem Buch von B. Schmidt angegeben, die sich auf die Zeitspanne vom 19.-20. Jahrhundert konzentriert. Nur ein Beispiel für die zentrale Position Südafrikas: Der Präsident Jan Smuts war im Ersten- und Zweiten Weltkrieg Mitglied des Kriegskabinetts in London. Das hatte einen Grund!
Abgesehen von meinem Buch zu Südafrika liegt u.a. ein neueres und recht ausführliches Buch von Stephan Kaußen vor: Von der Apartheid zur Demokratie. Die politische Transformation Südafrikas. Wiesbaden. 2003.
Der Bruder des ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki, Moeletsi Mbeki, hat jüngst ein Buch vorgestellt mit dem Titel: Architects of Poverty: Why African capitalism needs changing. 2009. Hierzu als Kostprobe sein Vortrag in Lodon: A tale of two nationalisms - or how South Africa has ended up in the state that it's in. Es juckt mir in den Fingern, aufgrund dieser beiden Büchern und einiger anderer, besonders das von R. W. Johnson: South Africa's Brave New World. The beloved country since the end of Apartheid. London. 2009., eine Neufassung meines älteren Buches zu versuchen. Wir werden sehen...
Wissenschaftlich habe ich Südafrika sehr viel zu verdanken, doch ebenso den dort lebenden Menschen und besonders meinen Freunden, die ich dort gewinnen konnte, besonders Dr. De Wet Schutte, Viv Loest und Prof. Dr. Henk Pauw, mit dem ich die DP-Kurve (Drechsel-Pauw-Kurve) erfand. Wenn ich in Deutschland bin, sitze ich immer wie auf gepackten Koffern.....
Abschließend noch einige Bilder auf Südafrika:
Eines meiner schrecklichsten Erlebnisse in Kapstadt - die Promenadenmischung Jessica im Angriff ...
Eines meiner wichtigsten Forschungsinstrumente...

mit Viv Loest, der mit uns forschte und den ich während seiner MA-Promotion mitbetreuen konnte. Seine Vorfahren stammen von den Sorben in den Flussauen um Berlin ab.
Mein Freund De Wet
und Henk Pauw leibhaftig...

next a picture of Henk with his best friend and student, probably musing about a new reaseach project in their holiday resort near the lovely Mossel Bay....the sea full with sharks and dolphins...
und hier ein Beispiel dafür, was alle touristisch anregt....

Elephanten zum Anfassen - auch das gibt es gelegentlich in Südafrika - ich würde trotzdem zu großer Vorsicht raten... es soll in Südafrika auch Löwen zum Anfassen geben; mich konnte niemand an diesen grauslichen Ort schleifen....
Südafrika
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